Die Entstehung der Herz-Kreislauferkrankungen und des Herzinfarkts
Krankhafte Ablagerungen in den Gefäßen („Atherosklerose“) sind weltweit die führende Ursache von Krankheit und Tod. Wenn die Gefäßablagerungen bei starker Ausprägung oder plötzlichen Komplikationen die Durchblutung stören, führen sie zu den häufigsten Herz-Kreislauferkrankungen: Herzinfarkt, Hirnschlag und Raucherbein. Dabei spielen die so genannten kausalen Risikofaktoren eine wichtige Rolle. Für Rauchen, ungünstige Cholesterinwerte, erhöhte Blutzuckwerte („Diabetes“) und Bluthochdruck ist gesichert, dass sie ursächlich an der Entstehung der Gefäßwandablagerungen („Atherogenese“) beteiligt sind.
Würde es gelingen, diese Risikofaktoren auszumerzen, so würden Herz-Kreislauferkrankungen zur Seltenheit werden, und die Lebenserwartung der Menschen wäre um 5 bis 10 Jahre verlängert. Davon allerdings sind wir weit entfernt. Wahrscheinlich leben nur ca. 5% der Erwachsenen in unserer Gesellschaft ohne Risikofaktoren.
Naturgemäß sind Ablagerungen der Herzgefäße („Koronararterien“) von besonderer Bedeutung, weil sie ein so lebenswichtiges Organ versorgen.
Der akute Herzinfarkt ist eine der häufigsten Todesursachen in der Bundesrepublik Deutschland und verantwortlich für eine Reihe von schweren Folgeerkrankungen wie Herzschwäche („Herzinsuffizienz“) und Herzrhythmusstörungen. Herzinfarkte entstehen meistens durch einen plötzlichen Verschluss der Herzgefäße. Die zu Grunde liegende Ursache sind Ablagerungen der Gefäßwand („atherosklerotische Plaques“), die plötzlich aufbrechen („Plaqueruptur“) oder durch andere Mechanismen dazu führen, dass sich im strömenden Blut ein Gerinnsel aus Blutplättchen bildet („Thrombus“). Wahrscheinlich bleiben derartige Blutgerinnsel in vielen Fällen unbemerkt, weil sie nicht sehr ausgeprägt sind und die Blutversorgung des Herzens nicht dauerhaft behindern. Aufgrund der vielfältigen Selbstheilungskräfte wird das Gerinnsel narbig umgebaut. Die zu Grunde liegende Ablagerung wächst an. Auch hier hat aber die Natur dafür gesorgt, dass nicht unbedingt eine Verengung des Gefäßes resultieren muss. Vielmehr kann das Herzgefäß im Bereich der Ablagerung seinen Durchmesser nach außen vergrößern und dadurch die ungestörte Durchblutung sichern. Trotz großer Ablagerungen ist die Versorgung des Herzmuskels gewährleistet, und es entstehen keine Beschwerden. Wächst das durch die Plaquebildung verursachte Gerinnsel allerdings an und unterbricht den Blutfluss abrupt und über längere Zeit, so kommt die Versorgung in einem Gebiet des Herzmuskels zum Erliegen. Wenn keine sofortige Behandlung erfolgt, entsteht ein Herzinfarkt mit Ausbildung einer Narbe im Bereich des abgestorbenen Herzmuskelgewebes.
Diagnostik der Herzgefäße
Die Hauptaufgabe des Kardiologen besteht in der Diagnostik und Behandlung von Erkrankungen der Herzgefäße. Aus dem oben gesagten ergibt sich, dass die Früherkennung einer Herzinfarktgefahr sehr schwierig ist. Trotz großer Ablagerungen (Plaques) ist häufig die Durchblutung auch unter Belastung ungestört, und es entstehen keine Beschwerden, die als Warnzeichen dienen könnten. Es liegt auf der Hand, dass Patienten mit einer großen Menge an Plaques auch ein größeres Risiko haben. Im Einzelfall können aber sehr unterschiedliche Ausprägungen und Merkmale der Plaques zu einer Komplikation führen, deren Schweregrad – von geringen Symptomen bis hin zum plötzlichen Herztod – auch von anderen Bedingungen wie z.B. der Gerinnbarkeit des Blutes abhängt. Andererseits können Symptome wie Brustschmerzen („Angina“), Luftnot oder Schwindel oft auch ohne Zusammenhang mit einer Erkrankung der Herzgefäße auftreten. Vor diesem Hintergrund sind die zunehmend besseren Möglichkeiten der Koronargefäßdiagnostik von großem Interesse.

- Weg des Herzkatheters von der rechten Leiste aus
Die Standardmethode zur Diagnostik der Herzkranzgefäße ist die Herzkatheteruntersuchung. Dabei wird von der Leiste oder dem Unterarm aus ein dünner Plastikschlauch über das arterielle System und durch die Hauptschlagader bis zu den Herzgefäßen vorgeschoben. Die Lage des Katheters wird im bewegten Röntgenbild („Durchleuchtung“) kontrolliert. Durch den Plastikschlauch wird dann Kontrastmittel injiziert, das mit dem Blutstrom durch die Herzgefäße fließt. Das Kontrastmittel färbt das Innere der Herzgefäße an, und in der Durchleuchtung können Veränderungen des Gefäßinneren, insbesondere Verengungen („Stenosen“) bis hin zum Gefäßverschluss dokumentiert werden. Die Herzgefäße messen in den größeren Abschnitten im Durchmesser nur etwa 3 bis 4 mm und in den Seitenästen 1 bis 2 mm. Sie sind durch den Herzschlag in ständiger Bewegung. Entsprechend hohe Anforderungen werden an die Bildgebung gestellt. Die Durchleuchtung bzw. Röntgendarstellung bei der Herzkatheteruntersuchung bietet hinsichtlich der räumlichen wie auch der zeitlichen Auflösung eine unübertroffene Bildqualität. Auch kleine Nebenäste werden mit großer Genauigkeit dargestellt, sofern sie mit Kontrastmittel durchströmt werden. Die Herzkatheteruntersuchung erkennt Verengungen mit sehr hoher Genauigkeit. Die Plaqueentwicklung in der Gefäßwand allerdings, die letztlich zur Verengung führt, kann nur indirekt beurteilt werden. Nur das Gefäßinnere wird abgebildet, nicht die Gefäßwand. Hierzu sind zusätzliche Untersuchungen wie der Ultraschall innerhalb der Herzgefäße notwendig.
Seit einigen Jahren hat sich die Computertomographie dahingehend entwickelt, dass scharfe Bilder des bewegten Herzens aufgenommen werden können. Dieses Verfahren bietet zurzeit die einzige in der Klinik eingesetzte Möglichkeit, um die Herzgefäße nicht invasiv abzubilden, d.h. ohne Herzkatheter. Vom grundlegenden Prinzip her handelt es sich bei der Computertomographie (CT) um ein Röntgenverfahren, das eine dreidimensionale Erfassung der Körperstrukturen erlaubt. Die Röntgenröhre kreist in einer Umdrehung von 360° um den Patienten. Der Röntgenstrahl wird von einem ein so genannten Detektorsystem aufgefangen, das zusammen mit der Röntgenröhre um den Patienten rotiert. Mittels aufwändiger Computertechnik (die dem Verfahren den Namen gibt) wird die in dem Röntgenstrahl enthaltene Information umgerechnet und als Graustufenbild wiedergegeben. Innerhalb der Schicht, die der Röntgenstrahl durchdrungen hat, kann jedem Punkt im Körper des Patienten eine Information zugeordnet werden. So entsteht ein Schichtbild, in dem der Körper des Patienten aus Punkten mit unterschiedlicher Graustufenskala besteht. Diese Skala umfasst ca. 2000 Werte, die sich zwischen sehr niedriger Dichte für Luft (z.B. in der Lunge) und sehr hoher Dichte in einigen Knochenanteilen bewegen. Um mehrere Schichtbilder zu erhalten, bewegt sich die Liege mit dem Patienten kontinuierlich weiter („Spiral-CT“), bis der gewünschte Bereich des Körpers vollständig erfasst ist. Die besondere Stärke dieser Untersuchungstechnik ist die sehr gute räumliche Auflösung, also Detaildarstellung auch von kleinen Strukturen des Körperinneren.

- Umdrehung der Röntgenröhre um den Patienten herum. Durch gleichzeitigen Tischvorschub wird ein größerer Abschnitt des Körpers abgebildet, und der Röntgenstrahl verläuft "spiralförmig".
Mehrschicht-Computertomographie – MSCT des Herzens
Dank neuer Entwicklungen ist eine sehr schnelle Umdrehung der Röntgenröhre um den Patienten möglich. Noch vor einigen Jahren dauerte es 1 Sekunde, bis die Röntgenröhre 1 Umdrehung um den Patienten geleistet hatte. Während dieses Zeitraums hatte das Herz bereits einmal geschlagen (bei einer Herzfrequenz von 60/min), und entsprechend unscharf war das Bild. Heute werden lediglich 330 Millisekunden pro Umdrehung benötigt. Zusätzlich kann der Röntgenstrahl dank eines speziell konstruierten Detektorsystems genutzt werden, um zeitgleich mehrere Schichten zu erfassen („Multidetektor-CT“ oder „Mehrschicht-CT“, MSCT). Die Kombination aus schneller Umdrehung der Röntgenröhre und Aufzeichnung mehrerer Schichten erlaubt es, innerhalb von wenigen Sekunden einen ausreichend großen Bereich des Körpers mit sehr feinen Schichten abzubilden, also mit guter Auflösung. Eine parallel aufgezeichnete Serie von 32 - 64 Schichtbildern kann in 175 Millisekunden erstellt werden. Für den Bildaufbau muss nicht die gesamte Umdrehung der Röntgenröhre (360°) abgewartet werden, sondern bereits eine halbe Umdrehung – oder durch besondere Rechenschritte sogar weniger – reicht aus.

- Schematische Darstellung des Prinzips der Mehrschicht Spiral-CT Untersuchung. Mit Hilfe des kontinuierlichen Tischvorschubs wird der Patient durch den rotierenden Strahlengang bewegt, der mehrere Schichten des Körperinneren gleichzeitig abbildet. Die Erfassung der Bildinformation erfolgt zu festgelegten Zeiten im Herzzyklus, abhängig von der EKG-Registrierung. Diese Bildaufnahmezeiten sind durch die schwarzen Vierecke und die durchbrochenen Ovale gekennzeichnet. In den anderen Zeiten wird die Strahlung herunterreguliert.
Durchführung der Untersuchung
Eine kontinuierliche EKG-Aufzeichnung ist notwendig, damit die Bilder genau definierten Abschnitten des Herzzyklus zugeordnet werden können. Durch die während des gesamten Herzzyklus kontinuierliche Rotation der Röntgenröhre und den entsprechenden Tischvorschub entsteht ein dreidimensionales („volumetrisches“) Abbild des Herzens. Es werden nur Bilder verwendet, die während einer relativen Ruhephase des Herzens entstehen. Durch die EKG-Aufzeichnung können diese Abschnitte gut ausgewählt werden, während in den anderen Phasen des Herzzyklus – in denen keine Bildverwertung stattfindet – die Strahlung heruntergeregelt wird. Die Bildqualität ist oft bei niedriger Herzfrequenz am besten, wenn der Puls ungefähr 60/min beträgt. Deshalb wird bei Patienten, bei denen es auf, möglichst genaue Bilder ankommt und die einen Puls > 70/min haben, in der Vorbereitung ein so genannter Betablocker gegeben. Ein Betablocker ist ein bewährtes Medikament zur Blutdrucksenkung und Verlangsamung der Herzfrequenz, welches langfristig eine Schutzfunktion ausübt. Patienten mit bekannter koronarer Herzkrankheit haben eine bessere Prognose, wenn sie Betablocker einnehmen. Betablocker sind in aller Regel gut verträglich. Nur Patienten mit schwerem allergischen Asthma dürfen sie nicht einnehmen oder Patienten, die ohnehin schon eine sehr langsame Herzfrequenz haben und keinen Herzschrittmacher tragen. Bei Patienten, die nicht daran gewöhnt sind, können Betablocker vorübergehend eine leichte Müdigkeit und Herabsetzung der Reaktionsgeschwindigkeit nach sich ziehen.
Ähnlich wie bei der Herzkatheteruntersuchung ist es für die Beurteilung des Inneren der Herzgefäße mit der Frage nach Durchgängigkeit bzw. Verengungen notwendig, dass Kontrastmittel gegeben wird. Das Kontrastmittel kann über einen Zugang in einer Arm- oder Handrückenvene gespritzt werden. Aufgrund der großen Schnelligkeit der modernen MSCT-Geräte sind nur noch vergleichsweise geringe Mengen an Kontrastmittel nötig (ca. 60 ml iodhaltiges Kontrastmittel).
Patienten mit einer Allergieneigung, z.B. Heuschnupfen oder Allergien gegen Schmuck oder Nahrungsbestandteile, sind manchmal auch gegen das Kontrastmittel allergisch. Wenn es notwendig ist, kann eine allergische Reaktion medikamentös unterdrückt werden. Während das Kontrastmittel durch gesunde Nieren problemlos ausgeschieden wird, kann es bei fortgeschrittener Nierenerkrankung zu einer Verschlechterung der Nierenfunktion kommen. Schließlich kann das Kontrastmittel auch bei einer Schilddrüsenüberfunktion zu Problemen führen, weil die iodhaltigen Anteile die Aktivität der Schilddrüse weiter verstärken. Aus diesem Grund ist die Kenntnis der Nieren- und Schilddrüsenfunktion vor der Kontrastmittelgabe wichtig.
Röntgenstrahlen
Wie auch die Herzkatheteruntersuchung, ist das MSCT ein Röntgenverfahren und von daher mit einer unterschiedlichen Strahlendosis für den Patienten verbunden. Die Strahlendosis variiert je nach Fragestellung und Untersuchungsprotokoll. Gemeinhin gilt, dass zum Erreichen einer optimalen Bildqualität eine vergleichsweise höhere Strahlendosis erforderlich ist.
Auch der Körperbau des Patienten spielt eine Rolle. Weil ein massiger Körper mehr Streustrahlung verursacht als ein schlanker Körper und in manchen Fällen die Intensität der Röntgenstrahlung erhöht werden muss, nimmt die Strahlendosis mit hohem Körpergewicht zu. Die in der Einheit Millisievert (mSv) angegebene biologische Strahlendosis berücksichtigt auch diese patientenseitigen Faktoren. Um ein Gefühl für die Größenordnung der Strahlendosis zu erhalten, sollte man wissen, dass jeder Bundesbürger einer Strahlung aus der Umwelt ausgesetzt ist, die sich im Wesentlichen aus der natürlichen Hintergrundstrahlung sowie aus Strahlung durch Baustoffe zusammensetzt.
Diese Strahlung beträgt ungefähr 2,5 mSv pro Jahr. Die nach der aktuellen Röntgenverordnung für das ungeborene Leben zugelassene Strahlung liegt bei 1,0 mSv. Eine einfache Röntgenuntersuchung des Brustkorbs ( „Röntgen-Thorax in 2 Ebenen“ ) ist mit einer Strahlendosis von ca. 0,1 mSv verbunden, eine diagnostische Herzkatheteruntersuchung mit 2,5 – 5 mSv. Die durch eine MSCT-Untersuchung ohne Kontrastmittel bedingte Strahlendosis beträgt 1 – 2 mSv, bei Kontrastmittelgabe und komplexeren Untersuchungsprotokollen steigt die Strahlendosis auf 5 – 10 mSv an.
Koronarkalkbestimmung

- CT-Schichtbild an der Herzbasis. Die weißen Pfeile deuten auf Koronarkalk im Bereich der Vorderwandarterie des Herzens.
Koronarkalk, also eine Verkalkung der Herzgefäße, entsteht im Zuge der Ausbildung von Ablagerungen (atherosklerotischen Plaques). Koronarkalk ist ein Ausdruck der Herzgefäßerkrankung. Gesunde Herzgefäße weisen keinen Kalk auf. Allerdings können auch Herzgefäße ohne Koronarkalk einige Ablagerungen haben, denn nicht jede Ablagerung ist verkalkt. Bei stärkerer Ausprägung der Ablagerungen findet sich aber fast ausnahmslos auch Koronarkalk. Je mehr Plaques vorliegen, umso größer ist auch das Ausmaß des Koronarkalks.
Die Koronarkalkbestimmung erlaubt es herauszufinden, ob die Risikofaktoren tatsächlich zur Ausbildung einer Herzgefäßerkrankung geführt haben. Dem durch die Risikofaktorenanalyse ermittelten statistischen Risiko steht der direkte Nachweis der verkalkten Ablagerungen gegenüber. Die Verteilung der Ablagerungen kann untersucht und das genaue Ausmaß analysiert werden. Dies ist von besonderer Wichtigkeit, weil davon die mögliche Gefährdung abhängt. Je mehr Plaques nachgewiesen werden, desto höher ist das Risiko. Im Rahmen der Koronarkalkbestimmung wird deshalb immer auch ein quantitatives Maß für den Koronarkalk angeben, meistens als Kalkscore und Kalkmasse. Die Ausprägung beim einzelnen Patienten wird in Bezug zu Referenzwerten gesetzt, die bei gesunden Männern oder Frauen des gleichen Alters ermittelt wurden. So kann nicht nur das Maß des Koronarkalks abgeschätzt werden, sondern auch die Ausprägung im Vergleich beurteilt werden.
Die Koronarkalkbestimmung dient in erster Linie der Einschätzung des Herz-Kreislaufrisikos. Dies ist bei Patienten sinnvoll, bei denen der behandelnde Arzt trotz genauer Analyse der Vorgeschichte und Risikofaktoren keine Klarheit darüber gewinnen kann, ob eine Behandlung notwendig ist oder nicht. Dazu gehören eine gesunde und ausgewogene Ernährung ebenso wie regelmäßige Bewegung und natürlich für Raucher der sofortige Rauchstopp. Bei einigen Patienten müssen zusätzliche Maßnahmen erwogen werden, etwa Medikamente zur Senkung erhöhter Cholesterinwerte. In manchen Fällen wird man weitere Untersuchungen anschließen wie z.B. einen Belastungstest. Andererseits ist es eine gute Nachricht, wenn kein Koronarkalk gefunden wird. Der Kalkscore beträgt dann 0. Das Risiko einer Verengung der Herzkranzgefäße oder eines ernsten Ereignisses in der Zukunft ist sehr gering. Auch hier ist aber ein gesunder Lebensstil ausschlaggebend, und insbesondere auf das Rauchen muss unbedingt verzichtet werden.
Nach den aktuellen Leitlinien der amerikanischen und europäischen Fachgesellschaften wird die Koronarkalkbestimmungen für Patienten empfohlen, bei denen das Herz-Kreislaufrisiko auf der Grundlage von medizinischer Vorgeschichte, klinischen Befunden und Risikofaktoranalyse weiterhin unklar bleibt und genauer eingegrenzt werden soll.
Nicht-invasive Koronarangiographie
Viele Herzkatheteruntersuchungen in Deutschland werden durchgeführt, ohne dass sich für die Patienten eine therapeutische Konsequenz ergibt. Häufig führen unspezifische Beschwerden oder grenzwertige Testergebisse zur Herzkatheteruntersuchung. Die behandelnden Ärzte – und auch die Patienten – möchten „auf Nummer sicher“ gehen und nicht riskieren, dass möglicherweise doch gefährliche Verengungen („Stenosen“) der Herzkranzgefäße vorliegen. In anderen Fällen erfolgt die Herzkatheterdiagnostik, um das Ergebnis nach einer Herzoperation oder einem Kathetereingriff zu kontrollieren, angeborene Auffälligkeiten der Herzgefäße auszuschließen oder den Zustand der herzgefäße vor einer großen Operation an einem anderen Organ abzuklären. In diesen Fällen kann die Herzgefäßdiagnostik ohne Herzkatheter eine wertvolle Alternative bieten. Die CT-Angiographie mit intravenöser Kontrastmittelgabe ist der Herzkatheterdiagnostik zwar an diagnostischer Genauigkeit unterlegen, erlaubt aber eine zuverlässige Beurteilung der großen, prognostisch bedeutsamen Herzgefäßabschnitte. Weil es nicht notwendig ist, eine arterielle Punktion durchzuführen und mit dem Katheter die Herzgefäße zu erreichen, entfallen die damit verbundenen Unannehmlichkeiten bzw. das (kleine) Risiko.
Die Zuverlässigkeit der kontrastverstärkten Herzgefäßdiagnostik hat sich mit den technischen Fortschritten in den vergangenen Jahren ständig verbessert. Bei guter Bildqualität kann der Abgang der Herzgefäße aus der Hauptschlagader und ihr Verlauf in den wichtigsten Abschnitten mit großer Sicherheit beurteilt werden. Verengungen dieser Gefäßabschnitte können mit hoher Genauigkeit erkannt werden. Die Ablagerungen in der Gefäßwand, welche die Verengungen verursachen, können häufig ebenfalls gut beurteilt werden. Als hochgradig gilt eine Verengung dann, wenn die Durchblutung des Herzmuskels unter Belastungsbedingungen, z.B. beim Treppensteigen, Laufen oder Fahrradfahren, behindert wird. Dies gilt ab einer Einengung des Gefäßdurchmessers um ca. 50%. Eine genaue Angabe des Einengungsgrades ist mittels MSCT nicht möglich. Hochgradige Verengungen können aber als solche eingestuft werden.
Der Verengungsgrad sagt nicht unbedingt etwas über die Herzinfarktgefährdung aus. Herzinfarkte werden durch die Ablagerungen selbst verursacht und nicht durch die Verengung, die sie hervorrufen. Das Auftreten einer hochgradigen Verengung spricht aber dafür, dass die Herzgefäßerkrankung aktiv verläuft. Auch gelten Plaques mit hochgradiger Verengung als besonders gefährlich, insbesondere bei ungünstiger Lage in den zentralen Abschnitten des Herzgefäßsystems. Wenn notwendig, bringt die Beseitigung von hochgradigen Verengungen durch einen Herzkathetereingriff oder – seltener – eine Operation auch die Beseitigung der durch sie verursachten Beschwerden mit sich.

- Herzbilder mittels kontrastverstärkter MSCT in der dreidimensionalen Darstellung. Links eine normale Anatomie mit Abbildung der Herzvorderwandarterie (LAD) und ihren Nebenästen (D1, D2) sowie der kontrastgefüllten linken Herzkammer (LV), Pulmonalarterie (PA) und Aorta (AO). Rechts Darstellung von Bypassgefäßen. Die Pfeile zeigen einen arterielles Bypassgefäß, das an die Vorderwandarterie angebunden ist und die offenen Pfeilspitzen venöse Bypassgefäße, die auf Seitenäste der Vorderwand- bzw. Seitenwandarterie ziehen. RV = rechte Herzammer.
Ein wichtiges Ziel der CT-Koronarangiographie ist nicht nur die Erkennung von hochgradigen Verengungen, sondern im Umkehrschluss auch ihr zuverlässiger Ausschluss. Dies kommt Patienten zugute, bei denen auf diese Weise festgestellt werden kann, dass ein Eingriff an den Herzgefäßen nicht notwendig ist. Die Herzkatheterdiagnostik wird vermieden, weil sie keine therapeutische Konsequenz hätte. Man spricht von einer „Gatekeeper“ - Funktion.
Die Qualität der erreichten Bilder gibt den Ausschlag für die diagnostische Genauigkeit des Verfahrens. Nur bei scharfer Bildqualität und guter Kontrastfüllung der Gefäße ist eine sichere Beurteilung der wichtigen Herzgefäßabschnitte möglich. Um eine optimale Bildqualität zu erreichen, muss häufig ein Betablocker zur Senkung der Pulsfrequenz gegeben werden. Unter dieser Voraussetzung können mehr als 90% der Gefäßabschnitte sicher beurteilt werden. Bei einzelnen Patienten mit starker Koronarverkalkung kann es schwierig sein, das kontrastmittelgefüllte Innere genau von der verkalkten Gefäßwand abzugrenzen.
Die Indikation zur CT-Koronarangiographie muss mit Sorgfalt gestellt werden. Letztlich sollte sie nur durchgeführt werden, wenn eine Herzkatheteruntersuchung im Raum steht, es also um die Frage eines Eingriffs an den Herzgefäßen geht. Patienten mit unklaren Beschwerden, einem nicht eindeutigen Ergebnis eines Belastungstests oder der Frage nach angeborenen oder erworbenen Auffälligkeiten der Herzgefäßanatomie können davon profitieren, dass eine Herzkatheteruntersuchung in vielen Fällen vermieden werden kann. Eine weitere Anwendung bezieht sich auf Patienten, bei denen der Zustand der Herzgefäße vor einer großen Operation oder einer belastenden Therapie geklärt werden muss. Insgesamt kann die nicht invasive CT-Koronarangiographie genutzt werden, wenn es wichtig erscheint, Verengungen der Herzgefäße auszuschließen oder weitergehende Information bei unklaren Befunden zu erhalten.
Weitere Anwendungen der MSCT
Die Möglichkeit, mittels MSCT größere Bereiche des Körperinneren sehr rasch und mit sehr guter Ortsauflösung abbilden zu können, wird häufig auch für andere Fragestellungen als die Herzgefäßdiagnostik eingesetzt. Das Verfahren ist aus der radiologischen Diagnostik nicht mehr wegzudenken. Es gibt Anwendungen an der Schnittstelle mit der Kardiologie. Hier steht besonders die Lungengefäßdiagnostik zur Diagnostik von Lungenembolien heraus. Nach Kontrastmittelgabe sind die Lungengefäße normalerweise frei von Kontrastmittel durchströmt. Wenn Gerinnsel („Thromben“) in die Lungenstrombahn eingeschwemmt worden sind, zeigen sich entsprechende Kontrastmittelaussparungen, die bis hinein in die Unterverzweigungen der großen Lungengefäße erkannt und ggf. behandelt werden können.
Zunehmende Bedeutung gewinnt auch die Diagnostik der Hauptschlagader mittels MSCT. Verletzungen oder degenerative Veränderungen, Ablagerungen und Aufweitungen können nach Kontrastmittelgabe mit sehr guter Genauigkeit beurteilt werden. Im Vergleich mit der Diagnostik der Herzgefäße ist diese Aufgabe ungleich leichter, weil die Aorta einen wesentlich größeren Durchmesser hat (2 – 3 cm) und sich nicht so stark bewegt.
